Wellensittiche gehören zu den aktivsten Heimvögeln überhaupt. Sie fliegen, klettern und beschäftigen sich in ihrer natürlichen Umgebung viele Stunden am Tag mit der Nahrungssuche. Dennoch gehören sie gleichzeitig zu den Vogelarten, bei denen Übergewicht besonders häufig vorkommt. Der Grund dafür ist nicht, dass Wellensittiche von Natur aus zum Dickwerden neigen. Vielmehr unterscheiden sich die Lebensbedingungen in der Heimtierhaltung erheblich von denen ihrer wilden Verwandten in Australien.
Ein paar Gramm zu viel mögen bei einem so kleinen Vogel zunächst unbedeutend erscheinen. Tatsächlich kann bereits eine geringe Gewichtszunahme den Stoffwechsel belasten und das Risiko für Erkrankungen wie eine Fettleber deutlich erhöhen. Umso wichtiger ist es, die Ursachen von Übergewicht zu kennen und frühzeitig gegenzusteuern.
In diesem Ratgeber erfahrt ihr, warum Wellensittiche zu dick werden, woran ihr Übergewicht erkennt und wie ihr euren Wellensittich gesund und dauerhaft schlank halten könnt.
Warum Übergewicht bei Wellensittichen so häufig vorkommt
Wildlebende Wellensittiche verbringen einen großen Teil ihres Tages mit der Nahrungssuche. Sie legen oft viele Kilometer zurück, fliegen zwischen verschiedenen Futterplätzen hin und her und fressen überwiegend halbreife und reife Grassamen, deren Zusammensetzung sich je nach Jahreszeit verändert. Nahrung ist nicht jederzeit verfügbar und muss erst gefunden werden.
Bei unseren Heimvögeln sieht der Alltag dagegen ganz anders aus. Das Futter steht rund um die Uhr bereit, die Wege zwischen Futternapf, Sitzstange und Schlafplatz sind kurz und selbst mehrere Stunden Freiflug ersetzen die täglichen Flugstrecken in der Natur nicht.
Hinzu kommt, dass viele Wellensittiche deutlich energiereicheres Futter erhalten als ihre wilden Artgenossen. Schon dadurch entsteht über Monate oder Jahre ein Energieüberschuss, der schließlich als Fett eingelagert wird.
Übergewicht entwickelt sich deshalb meist schleichend. Viele Halter bemerken erst spät, dass ihr Wellensittich an Gewicht zugenommen hat.
Woran erkennt man einen zu dicken Wellensittich?
Das Gefieder eines Wellensittichs kann täuschen. Aufgeplustert wirkt selbst ein schlanker Vogel schnell rundlich. Deshalb sollte die Beurteilung niemals ausschließlich nach dem Aussehen erfolgen.
Entscheidend ist die sogenannte Körperkondition. Dabei wird vorsichtig das Brustbein ertastet. Bei einem gesunden Wellensittich ist das Brustbein gut fühlbar und rechts sowie links davon liegen gleichmäßig ausgeprägte Brustmuskeln. Ist der Vogel übergewichtig, verschwindet das Brustbein zunehmend unter einer Fettschicht.
Weitere Anzeichen können sein:
- Der Vogel fliegt deutlich weniger.
- Er ermüdet schneller als früher.
- Das Landen wirkt schwerfälliger.
- Der Bauch erscheint auffällig rund.
- Fettpolster sind im Bauchbereich erkennbar.
- Es entstehen gelbliche Fettablagerungen unter der Haut.
- Der Vogel wirkt insgesamt träger und bewegt sich weniger.
Nicht jeder kräftige Wellensittich ist automatisch übergewichtig. Entscheidend ist immer der Körperbau des einzelnen Vogels und nicht nur eine Zahl auf der Waage.
Wie viel sollte ein Wellensittich wiegen?
Das Gewicht eines Wellensittichs lässt sich nicht pauschal an einer bestimmten Zahl festmachen. Kleinere Wellensittiche liegen häufig im Bereich von etwa 30 bis 40 Gramm. Es gibt aber auch deutlich größere und kräftigere Wellensittiche, die von Natur aus mehr wiegen. Ein höheres Gewicht bedeutet deshalb nicht automatisch, dass ein Vogel zu dick ist.
Entscheidend ist immer die Körperform und ob das Brustbein noch gut fühlbar ist. Ein gesunder Wellensittich sollte eine gut erkennbare Brustmuskulatur haben und nicht von einer deutlichen Fettschicht über dem Brustbein bedeckt sein. Deshalb ist die regelmäßige Kontrolle des Körperzustands wichtiger als allein der Blick auf die Waage.
Die Ernährung spielt die wichtigste Rolle
Der häufigste Grund für Übergewicht ist eine dauerhaft zu energiereiche Ernährung.
Viele Wellensittiche leben in Wohnungen oder Volieren mit einem jederzeit gut gefüllten Futternapf. Das klingt zunächst artgerecht, führt jedoch häufig dazu, dass sich die Vögel ihre Lieblingssaaten herauspicken. Besonders energiereiche Saaten werden bevorzugt gefressen, während weniger beliebte Bestandteile liegen bleiben. Wird anschließend einfach nachgefüllt, erhalten die Wellensittiche erneut vor allem ihre Lieblingskörner.
So entsteht mit der Zeit eine Ernährung, die deutlich kalorienreicher ist als ursprünglich vorgesehen.
Hinzu kommt, dass viele Futtermischungen einen vergleichsweise hohen Anteil energiereicher Saaten enthalten. Gerade wenn ein Wellensittich wenig fliegt oder überwiegend in der Wohnung gehalten wird, kann der tägliche Energiebedarf deutlich unter der aufgenommenen Energiemenge liegen.
Der Körper speichert diesen Überschuss als Fett – zunächst unauffällig, später mit sichtbaren Folgen.
Bewegung ist genauso wichtig wie das richtige Futter
Ein häufiger Irrtum lautet, dass mehrere Stunden Freiflug automatisch ausreichend Bewegung bedeuten.
Tatsächlich nutzen viele Wellensittiche den Freiflug nur für kurze Strecken zwischen verschiedenen Sitzplätzen. Anschließend wird geputzt, geruht oder beobachtet. Mit den täglichen Flugleistungen freilebender Wellensittiche ist das kaum vergleichbar.
In Australien fliegen Wellensittiche oft viele Kilometer am Tag. Sie müssen Wasserstellen aufsuchen, Futter finden und bei Gefahr schnell ausweichen. Diese natürliche Bewegung verbraucht enorme Mengen an Energie.
Wohnungsvögel haben diesen Energieverbrauch meist nicht. Selbst wenn sie ausreichend Freiflug erhalten, erreichen sie häufig nur einen Bruchteil der täglichen Aktivität ihrer wilden Artgenossen.
Deshalb gehört Bewegung zu den wichtigsten Bausteinen einer gesunden Gewichtskontrolle.
Schafft deshalb Möglichkeiten, die eure Wellensittiche zum Fliegen und Klettern animieren. Unterschiedliche Sitzplätze, Naturäste, abwechslungsreiche Beschäftigung und kleine Suchspiele können dazu beitragen, dass eure Vögel aktiver bleiben und nicht den Großteil des Tages sitzend verbringen.
Leckerbissen sind gesund – aber nur in Maßen
Kolbenhirse gehört zu den beliebtesten Snacks für Wellensittiche. Sie eignet sich hervorragend als Belohnung beim Training oder zum Eingewöhnen neuer Vögel.
Problematisch wird sie erst dann, wenn sie dauerhaft und unbegrenzt angeboten wird.
Dasselbe gilt für andere energiereiche Futtermittel. Werden diese regelmäßig zusätzlich zur normalen Körnermischung gefüttert, steigt die tägliche Energieaufnahme oft deutlich an, ohne dass der Vogel entsprechend mehr Bewegung hat.
Leckerbissen sollten deshalb immer eine Ergänzung bleiben und nicht zum festen Bestandteil der täglichen Ernährung werden.
Können Krankheiten zu Übergewicht führen?
Nicht jeder dick wirkende Wellensittich ist tatsächlich zu fett.
Ein vergrößerter Bauch kann auch andere Ursachen haben. Erkrankungen der Leber, Tumoren, Flüssigkeitsansammlungen oder Veränderungen der Geschlechtsorgane können äußerlich ebenfalls den Eindruck von Übergewicht vermitteln.
Nimmt ein Wellensittich innerhalb kurzer Zeit stark zu, wirkt plötzlich ungewöhnlich rund oder zeigt gleichzeitig Atemprobleme, sollte deshalb immer ein vogelkundiger Tierarzt die Ursache abklären.
Gerade Lebererkrankungen entwickeln sich häufig über längere Zeit und bleiben zunächst unbemerkt.
Warum Übergewicht so gefährlich ist
Viele Halter unterschätzen, welche Auswirkungen bereits wenige Gramm zu viel auf den kleinen Körper eines Wellensittichs haben können.
Fettgewebe ist keineswegs nur ein Energiespeicher. Es beeinflusst zahlreiche Stoffwechselprozesse und belastet verschiedene Organe. Besonders die Leber muss dauerhaft große Mengen Fett verarbeiten. Ist sie damit überfordert, kann sich nach und nach eine Fettleber entwickeln.
Eine Fettleber zählt zu den häufigsten ernährungsbedingten Erkrankungen bei Wellensittichen. Sie beeinträchtigt die Leberfunktion und kann im weiteren Verlauf den gesamten Stoffwechsel stören.
Auch Herz und Atmung werden durch Übergewicht stärker belastet. Übergewichtige Wellensittiche fliegen häufig schlechter, ermüden schneller und bewegen sich insgesamt weniger. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Weniger Bewegung führt zu einem noch geringeren Energieverbrauch, wodurch weiteres Fett eingelagert wird.
Zusätzlich steigt das Risiko für Probleme an Füßen und Gelenken, da das Körpergewicht dauerhaft auf den kleinen Beinchen lastet.
Warum Wellensittiche selten aufhören zu fressen
Viele Halter fragen sich, warum ihr Wellensittich immer wieder zum Futternapf geht, obwohl er eigentlich genug gefressen hat.
Das natürliche Verhalten liefert die Antwort.
In Australien wissen Wellensittiche nie, wann sie die nächste ergiebige Futterquelle finden. Ihr Verhalten ist darauf ausgelegt, günstige Gelegenheiten zu nutzen und ausreichend Energie aufzunehmen.
Dieses Verhalten bleibt auch in der Heimtierhaltung erhalten. Obwohl der Napf ständig gefüllt ist, verschwindet der natürliche Futtertrieb nicht. Deshalb ist es völlig normal, dass Wellensittiche immer wieder fressen, wenn Nahrung verfügbar ist.
Gerade deshalb ist eine ausgewogene Futtermischung wichtiger als ein möglichst voller Napf.
Sollte ein Wellensittich auf Diät gesetzt werden?
Ein deutliches Nein.
Wellensittiche besitzen einen sehr schnellen Stoffwechsel. Sie dürfen niemals über längere Zeit hungern oder plötzlich stark reduziert gefüttert werden.
Eine gesunde Gewichtsabnahme erfolgt immer langsam. Ziel ist nicht möglichst wenig Futter, sondern eine ausgewogene Ernährung, die dem tatsächlichen Energiebedarf entspricht.
Ebenso wichtig sind mehr Bewegungsmöglichkeiten, abwechslungsreiche Beschäftigung und regelmäßige Gewichtskontrollen. So kann sich das Körpergewicht langsam normalisieren, ohne den Organismus zu belasten.
Weitere Informationen zum Thema findet ihr auch in unserem ausführlichen Ratgeber:
Wellensittich zu dick – Ursachen und Maßnahmen